Lokalnachrichten

Mit Anni auf kalten Kufen statt auf heißen Sohlen

Inzell. »Am Anfang war es schrecklich«, sagt Amos. »Nach ein paar Wochen bekam ich ein Gefühl dafür. Jetzt macht es großen Spaß.« Das 21-jährige kenianische Langstrecken-Lauftalent war wie seine drei Landsmänner Leonard, Isaac und Sammy bisher auf heißen Sohlen statt auf eiskalten Kufen unterwegs. Mit Anni Friesinger trainieren die vier absoluten Eisschnelllauf-Neulinge in Inzell zehn Wochen lang hart, um für den Eisschnelllauf-Marathon auf dem österreichischen Weissensee am 24. Januar fit zu sein. Wie es ihnen dabei ergangen ist, auch bei der Begegnung mit den Inzellern und dem heimischen Brauchtum, berichtet der Fernsehsender VOX in seiner neuen Doku-Serie »Real Cool Runnings« in neun Folgen ab Dienstag, 14. Januar, immer dienstags um 20.15 Uhr.

  • Anni und ihre vier Kenianer (von links): Leonard, Amos, Isaac und Sammy auf der Eisbahn in Inzell. (Foto: VOX/POA/Sigi Jantz)

»Ich liebe meinen Sport Eisschnelllaufen. Ich will die Faszination für diese tolle Sportart auch anderen Menschen näherbringen und sie dafür begeistern. Und ich liebe eben neue Herausforderungen«, sagt Anni Friesinger über ihre Motivation, als Mentorin und Trainerin mitzumachen bei diesem etwas anderen Eisschnelllauf-Projekt.

Zum Casting nach Kenia

Alles begann im 10 000 Kilometer entfernten Eldoret in Kenia. Die dreifache Olympiasiegerin, 16-fache Weltmeisterin und fünffache Europameisterin reiste mit Eissport-Physiotherapeut Michael Stöberl für zwei Wochen in die 300 000 Einwohner große Stadt. Dort trainieren die besten Langstreckenläufer des Landes. In nur zwei Tagen wählten Friesinger und Stöberl aus zunächst 60 Bewerbern 30 aus und suchten sich davon die vier Sportler mit den besten Grundvoraussetzungen für den Eisschnelllauf aus: »Sie sollten außergewöhnliche Beweglichkeit, Geschmeidigkeit und Sprungkraft mitbringen«, erklärt Anni Friesinger. Beeindruckt war sie auch von der Schönheit des Landes mit seinen Naturreservaten und Bergen und von der Offenheit der Menschen.

Die vier Kenianer wurden in Inzell in zwei Gastfamilien untergebracht: Bei der Eisschnelllauf-Familie Hirschbichler und bei Monika Bauregger, die Amos und Leonard bekommen hat. »Es sind ganz nette Buam, sie sind auch sehr höflich und immer gut gelaunt«, zeigt sich diese begeistert. Eine Inzeller Lehrerin im Ruhestand gibt ihnen Deutschunterricht. »Ich teste beim Frühstück, was sie gelernt haben«, verrät Bauregger schmunzelnd. Sie ist auch erleichtert, dass ihre afrikanischen Gäste alles essen, was sie kocht. »Am liebsten mögen sie Nudeln, Reis, Kartoffeln und Fleisch.« Auf Salat, Obst, Käse oder Wurst verzichteten sie jedoch; zum Frühstück reichten ihnen Semmeln mit Honig ohne Butter und Tee mit Milch.

Aufgelockert wird das konsequente Trainingsprogramm durch interkulturelle Begegnungen: Bei der Nikolausfeier auf der Moaralm sangen die Kenianer für ihre Gastgeber ein afrikanisches Lied. Amos fand den Nikolaus und den Krampus sehr lustig. Bei der Familie Hirschbichler, die die Wirtsküche zur Verfügung stellte, kochten die Gäste eine kenianische Spezialität aus Innereien, die in ihrer Heimat als Delikatesse der besser Betuchten gelten, mit »Ugali«, einem Maisbrei. »Es hat gut geschmeckt«, stellte Monika Bauregger nach anfänglicher Skepsis fest. Ihre ganze Familie hilft bei der Betreuung mit: So macht Sohn Florian einen Langlaufkurs mit den Afrikanern, Tochter Heidi geht mit ihnen in die Disko.

»Ich dachte, Eis schaut wie Schnee aus«

»Wo immer wir hingehen, schließen die Menschen Freundschaft mit uns«, freut sich der 24-jährige Isaac. Am meisten macht ihm und seinen drei Kollegen die völlig ungewohnte Kälte zu schaffen: In seiner Heimat werde es nie kälter als 22 Grad, erklärt Isaac (24), zu Schulzeiten ein begeisterter Fußballspieler. Da ihm der Wunsch verwehrt blieb, wie sein Bruder eine Karriere beim Militär zu beginnen, zog er nach Eldoret zur Familie seines Bruders und trainiert täglich im Stadion. Beim ersten Eis-Training in der gewaltigen Max-Aicher-Arena rieb er sich verwundert und fasziniert die Augen: »Ich dachte, Eis schaut wie Schnee aus«, sagt er.

Amos gefallen neben dem Training mit Anni die Landschaft, die Leute, die Häuser, die Tracht, die Musik und die kameradschaftliche Aufnahme durch den DEC Inzell. »Sie mögen uns, machen Fotos mit uns. Auch wir machen Fotos mit ihnen«, erzählt er lachend. Kürzlich bei ihrem ersten Rennen, das auch Eisschnelllauf-Pionier Günter Traub beobachtete, feuerte der DEC-Nachwuchs die kenianischen Starter am Ziel kräftig an.

Sie haben sich viel vorgenommen: Ihre Langstreckenlauf-Bestzeiten liegen zwischen 8:37 und 8:55 Minuten auf 3000 Meter und zwischen 1:24:07 und 1:32:01 Stunden auf 25 Kilometer, und doch ist das Laufen auf Kufen völlig anders, fordert zum Beispiel beim Übersetzen in den Kurven fast artistische Geschicklichkeit. Nach dem Sturz durch eine Spurrille in der Kurve ließ sich Leonard nicht entmutigen, stand sofort auf und skatete weiter. »Das müssen sie lernen. Auf dem Natureis ist das ja noch schlimmer«, meinte dazu Anni Friesinger.

Kenianer sehen TV-Serie als Chance für Läuferkarriere

»Sie ist der beste Coach, den ich je hatte«, zeigt sich der 24-jährige Leonard von Anni begeistert. Der drei Jahre ältere Sammy findet ihre Tipps für die richtige Position auf dem Eis und ihre Übungen für die Beinmuskulatur gut und lobt ihre Geduld. Alle vier sehen die Teilnahme an »Real Cool Runnings« als große Chance für ihre Sportkarriere. Seit dem Tod seines Vaters vor neun Jahren ist Sammy Haupternährer einer neunköpfigen Familie. Um für diese sorgen zu können und mit seiner Freundin Gladys eine eigene Familie zu gründen, sieht er nur eine Chance: eine Karriere als Läufer.

Obwohl sie an der Arbeit mit den Kenianern große Freude hat, möchte Anni Friesinger vorerst nicht als Trainerin arbeiten: »Da brauche ich noch mehr Abstand.« Die 36-Jährige will auch viel Zeit für ihre zweijährige Tochter und ihr zweites Kind, das sie im Frühjahr erwartet, haben.

Nebenbei arbeitet sie fürs holländische Fernsehen und andere Sender, wo es sich ergibt. Die Winterolympiade in Sotschi begleitet sie mit einer Kolumne in der Zeitung »Die Welt« über heimische Olympia-Hoffnungen, wie den Schönauer Rodler Felix Loch, die Garmisch-Partenkirchner Skirennläuferin Maria Höfl-Riesch und eventuell auch den jungen Ruhpoldinger Skispringer Andreas Wellinger. vm

Quelle: Traunsteiner Tagblatt

Artikel bewerten
5.0
5,0 (5 Stimmen)
Inzell

Fläche: 45,35 km²
Einwohner: 4472

1. Bürgermeister 
Johann Egger

Anschrift der Verwaltung:
Rathausplatz 5
83334 Inzell
Deutschland

Telefon: 08665 9885 0
Telefax: 08665 9885 30

Internet: www.inzell.de
E-Mail:  info(at)inzell.de

Das Wetter in Inzell
wolkig
Heute
2°/
wolkig
Sa
5°/
regenschauer
So
5°/
Anzeige
Kinoprogramm